Die vier Türhüter am Eingang zur Freiheit IV – Gute Gesellschaft

Die Bedeutung „guter Gesellschaft“ wird oft unterschätzt, weil man denkt, dass man als Erwachsener schließlich selbständig ist und seine eigenen Entscheidungen trifft und seine eigenen Wege geht. Aber dabei wird leicht vergessen, wie verbunden wir – unsichtbar – im Unterbewusstsein mit anderen oft sind, und welche Bedeutung gute Gesellschaft deshalb für unser Leben hat. Das gilt nicht nur für die eigene Familie, für die der ungarische Therapeut Ivan Boszormenyi-Nagy in seinem Buch „Unsichtbare Bindungen“ an vielen Fallbeispielen eindrücklich gezeigt hat, dass der bewusste Bruch mit der Familie immer schlimmer ist wegen der aus den „unsichtbaren Bindungen“ folgenden Reaktion der eigenen Schuldgefühle als eine noch so holprige Koexistenz mit den Menschen aus der eigenen Herkunft. Der Umgang mit der eigenen Familie muss also – wenn man wirklich frei sein will – immer auf Versöhnung zielen, so weit wie irgend möglich – ansonsten stellt man sich unbewusst selbst ein Bein so wie ein Baum, der seine Wurzeln ablehnt.

Darüber hinaus ist es für das Glück des Menschen und seine Freiheit entscheidend, welche Menschen er sich für seinen Freundeskreis wählt, mit welchen Menschen er sich umgibt … Denn die Menschen, mit denen ich mich – im Alltag und bei wichtigen Entscheidungen – umgebe und auf deren Rat und Wort ich höre, können mich entweder nach oben oder nach unten ziehen – je nach ihrer geistig-seelischen-menschlichen Verfassung. Deshalb heißt es im „Yoga Vashishtha – The Supreme Yoga“, dass „gute Gesellschaft“ neben Selbstkontrolle (Fokus), der richtigen Neugier und der Zufriedenheit des Herzens der entscheidende Türhüter für das Erlangen von wirklicher Freiheit ist.

Man muss sich nichts vormachen: Wenn man in einem Stammtischmilieu lebt, wo im Zusammenkommen nur über andere hergezogen und über andere (die, die gerade nicht da sind) schlecht geredet wird, bleibt man geistig-seelisch-menschlich auf dieser Ebene eines schwachen Selbstbewusstseins. Denn nur schwache Menschen müssen über andere Menschen reden, starke Menschen reden über Visionen und Projekte. Ich will damit nicht sagen, dass man nicht mal einen schlechten, negativen Tag haben kann, das kommt vor. Aber dann ist es wichtig, dass die Leute um mich herum stark genug sind, mich nach oben zu ziehen und mir zumindest Hinweise in die richtige Richtung geben – anstatt mit in den Sumpf der Negativität zu springen und die Bestätigung für den eigenen Lebenspessimismus auszuwalzen und zu „feiern“.

 

Gute Gesellschaft sind Menschen mit einer positiven Vision

„Gute Gesellschaft“ ist die Gesellschaft von Menschen, die eine positive Vision haben. In Klöstern – welcher Religion auch immer – gibt es eine Regel, die die Vision in Worte fasst. Mein Lehrer hat einmal gesagt, dass die Regel des hl. Benedikt ein gutes Beispiel für erleuchtetes Zusammensein ist, wo man lernt, in Gemeinschaft zu wachsen. Solch eine Regel könnte sich auch jeder selbst schreiben, wenn man seine eigenen positiven Lebenserfahrungen ernst nähme und die Lektionen, die man gelernt hat, zu Papier bringen würde. Dann könnte ich an „interessanten“ Tagen ein von mir selbst geschriebenes Buch meiner „heiligen Erfahrungen“ öffnen, das mich inspiriert, die jetzige Situation hoch, positiv und konstruktiv zu deuten und anzugehen.

„Gute Gesellschaft“ erzieht einen, nur das Beste von sich zu zeigen und zu leben. Sie ist in einer gewissen Hinsicht fordernd, aber sie fördert auch die Weiterentwicklung. Vielleicht ist sie der schnellste Weg zur Weiterentwicklung, denn in einer Höhle, wo man alleine meditiert, kann man sich leicht vieles vormachen. Aber mit anderen Menschen zusammen wird man meistens schnell auf den Boden der eigenen Tatsachen heruntergeholt, was hilft, zu erkennen, wo im eigenen Leben Arbeit zu tun ist, wenn man weiterkommen will.

 

The Company of the Wise is Difficult to Attain

Neben der kostbaren „guten Gesellschaft“ von Menschen, die meine Vision oder etwas Ähnliches teilen, gibt es noch eine andere Form guter Gesellschaft, die, glaube ich, für das Erlangen wirklicher Freiheit noch unverzichtbarer ist. In den Bhakti Sutras von Narada heißt es dazu: „the company of the wise is difficult to attain.“ Mit anderen Worten: „Die Gesellschaft von wirklich weisen Menschen ist nicht leicht zu erlangen.“ Das heißt nicht, dass es sie nicht gibt, aber dass man dem Universum beweisen muss, dass man es mit der Suche nach Freiheit ernst meint, bevor man von einem solchen Weisen gefunden wird. Ein Weiser in diesem Sinn ist kein Buchgelehrter, wie Meister Eckart im Mittelalter schon so wunderbar gesagt hat: „Lehrmeister gibt es genug, wir brauchen Lebemeister.“ Ein Weiser im echten Sinn hat das verwirklicht, wonach ich suche. Das zeichnet ihn aus und nicht irgendwelche von anderen oder von einem selbst aufgeklebte „Guru“-Etiketten welcher Art auch immer.

Warum ist die Gesellschaft eines Weisen so wichtig für das Erreichen des höchsten Ziels? Die Antwort ist einfach: Das, was in unserem Leben letztlich immer die positive Veränderung bewirkt, ist die Präsenz, die Power der Präsenz eines Menschen. Die Psychoanalyse und alle anderen therapeutischen Richtungen haben mittlerweile herausgefunden, dass die analytischen Methoden, die man anfangs für unverzichtbar hielt (fast dogmatisch), bei weitem hinter der persönlichen Präsenz des Therapeuten und seiner Heilkraft zurückstehen. Jeder kennt das: Es gibt Menschen, die sind scheinbar unbeholfen und wirklich keine „Stars“ im modernen Sinn, aber aus ihnen leuchtet Freude, Zufriedenheit und Licht und man kann nicht anders, als sich in ihrer Gegenwart wohl zu fühlen und seine Probleme zu vergessen … Das sind die Weisen, von denen Narada spricht, deren Gesellschaft und deren weltumspannendes Herz einen nach oben zieht. Denn wenn man jemand gefunden hat, der ein solches Herz hat, erwacht im Zusammensein mit diesem Menschen der eigene innere Lehrer im Herzen und man erkennt am anderen, wie anders man selbst sein könnte und wer man – in einzigartiger Größe – wirklich ist.

Gute Gesellschaft, wenn man sie gefunden hat, kann man nicht hoch genug schätzen. Denn es gibt nicht viele Menschen, die wirklich bereit sind, konsequent einen Weg der Veränderung zu gehen – und es gibt nicht viele, die den Gipfel wirklich kennen. Wenn man solche Menschen gefunden hat, sollte man sie nicht leichtfertig wieder gehen lassen, nur weil das Ego Angst bekommt vor der Veränderung, sondern man sollte auf den Zug der Freiheit aufspringen, dessen Lokführer weiß, wohin die Reise geht.

Dr. Klaus Wolff

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Dr. Klaus Wolff - Heilpraktiker/ Psychotherapie

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