Die vier Türhüter am Eingang zur Freiheit II – Der Geist des Erforschens

Neben der gestern beschriebenen „Selbstkontrolle“ als Tor zur Freiheit erwähnt Vashishtha als zweiten Türhüter zur Freiheit „the spirit of enquiry“. Ich habe das gestern – wahrscheinlich zum Schrecken all jener, die Englisch können, mit der „richtigen Neugier“ oder dem „Geist des Erforschens“ übersetzt – und glaube auch, dass es das letztlich trifft.

Enquiry heißt zwar wörtlich „Nachforschung“. Aber mit dem „spirit of enquiry“ ist vor allem eine Geisteshaltung gemeint, die nicht dumpf den Alltag akzeptiert und „erledigt“ (vom Aufstehen, Frühstück bis zum Abendessen und Schlafengehen jeden Tag dasselbe) und nur das Vordergründige, Sichtbare, Verlässliche gelten lässt, sondern die die Hintergründe des Lebens – in positiver Neugier – erforschen will und nicht aufhört zu fragen: Wer bin ich? Was ist mein Auftrag auf der Erde? Was hat es mit dem Leben auf sich?

Viele Menschen verweigern sich diesen Fragen, weil es sich – ohne zu fragen – scheinbar leichter lebt. Wenn man sich selbst und die Welt nur als materiellen Körper oder als Konglomerat physikalisch-chemischer Prozesse versteht, entgeht man einem gewissen Leiden des Fragenden, aber man verpasst auch die Größe und das Wunder des Lebens.

 

Der Geist des Erforschens verleiht dem eigenen Leben Tiefe

Wie eine Freundin vor einiger Zeit einmal zu mir sagte: „Durch die Tiefe, mit der ich jetzt alles wahrnehme, ist mein Leben nicht leichter geworden, aber ich habe den Frühling und das Blühen der Blumen noch nie so wahrgenommen.“ Ja, der Geist des Erforschens bringt Seligkeit mit sich, auch wenn er vieles in Frage stellt, auch in unserem Alltag. Was ist eine Blume? Was ist ein Baum? Was sind das für Wesen, die Schadstoffe binden und Sauerstoff produzieren zum Wohle aller? Was ist Wasser? Was ist Feuer? Was ist die Erde? Was ist die Luft, der Raum? Was ist Licht? Wer bin ich?

Vashishtha geht so weit zu sagen, dass derjenige, dem dieser Geist des Erforschens fehlt, ein bemitleidenswerter Mensch ist, und dass es – ohne das erforschende Auge zu leben – besser wäre, als Frosch im Dreck geboren zu sein oder als Wurm im Dung oder als eine Schlange in ihrem Loch.
Dahinter steht eine hohe Sicht des menschlichen Lebens.

 

Die höchste Form im Universium ist der Mensch

Eine Geschichte aus der indischen Mythologie erzählt von einem Dialog zwischen der weisen Krähe Kagabushundi und dem goldenen Adler, Garuda. Garuda stellt der Krähe sieben Fragen, und eine dieser Fragen lautet: „Was ist die höchste Form, die man im Universum erreichen kann?“ Und die weise Krähe antwortet – übrigens ganz passend zum Weihnachtsfest: „Die höchste Form, die man im Universum erreichen kann, ist es, auf der Erde als Mensch geboren zu werden.“

Denn als Mensch, so die Krähe, hat man den Stein der Weisen in den Händen, mit dem man den Himmel öffnen und Dinge tun kann, die jedem anderen Wesen im Universum – die Engeln eingeschlossen – unmöglich sind. Es ist vielleicht die größte Gefahr für das menschliche Leben, einem Geist der Dumpfheit zu folgen und keinen Weg zu gehen, alles tiefer und schöner und größer zu sehen … so wie ein Kind staunt und nicht aufhört zu fragen.

Wenn man begreift, dass der Mensch viel mehr ist als sein Körper, dass wir alle Licht sind, und dass unsere Herzen unsichtbar die größten Kräfte beherbergen, die es im Universum gibt, dann erst eröffnet sich jene Dimension von Leben, die alles Verstehen übersteigt und die nicht spannender sein könnte. Und dann erst bekommt man ein Gefühl dafür, was wirkliche Freiheit ist, die das Universum umspannt.

Der „spirit of enquiry“, so sagt Vashishtha, führt zur Wahrheit, und von der Wahrheit zum Frieden, und vom Frieden zum Ende allen Leids. Um dahin zu kommen, muss man sich auf eine Reise begeben: die Reise nach innen, in das eigene Herz, das alle Geheimnisse des Universums in sich birgt. Was man für diese Reise braucht? Neben kompetenter Begleitung nur zwei Dinge: Ausdauer und Mut. Mut, jeden Tag den nächsten Schritt zu gehen, und Ausdauer, nicht zu früh aufzugeben und zu meinen, jetzt wäre genug. Wie mein Lehrer sagt: „There is always more.“ Es gibt immer mehr …

Dr. Klaus Wolff

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Dr. Klaus Wolff - Heilpraktiker/ Psychotherapie

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